Vorhaben und Ziele

Drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR sind die Ausmaße politischer Verfolgung in Ostdeutschland zwischen 1945 und 1989 noch immer unzureichend erforscht. Es ist unklar, wie viele Menschen aus politischen Gründen getötet oder inhaftiert wurden und wie viele zwangsweise umgesiedelt oder in die Sowjetunion deportiert wurden. Über zeitliche, regionale oder soziale Schwerpunkte der Verfolgung gibt es erst recht kaum empirische Daten. Nur für wenige Gedenkstätten – darunter das zentrale Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Hohenschönhausen und die Gedenkstätte Bautzen – ist belegt, welche Personen dort wie lange inhaftiert waren.

Ziele

Ziel des Forschungsverbundes „Landschaften der Verfolgung“ ist es, diesen unbefriedigenden Zustand zu ändern. Im Mittelpunkt steht dabei die Schaffung einer Datenbank, in der möglichst alle Opfer politischer Verfolgung in SBZ und DDR verzeichnet werden sollen. Um dieses anspruchsvolle Vorhaben operationalisierbar zu machen, wird es auf Personen beschränkt, die „harten“ und eindeutig identifizierbaren Maßnahmen wie Inhaftierung oder Deportation ausgesetzt waren.

Auf der Grundlage dieser und anderer Quellen befassen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsverbunds in mehreren Modulen und Teilprojekten mit unterschiedlichen Aspekten repressiver Regime. So weiß bis heute niemand genau zu sagen, aus welchen Gründen welche Bevölkerungsgruppen in welcher Weise verfolgt wurden. Empirisch ebenso unzureichend untersucht ist das Handeln der Repressionsorgane, insbesondere die Kriterien der Verfolgung, die Motive der Verfolger, die Relation zwischen Willkür und Verrechtlichung sowie die für kommunistische Diktaturen zentrale Frage, wie und warum sich die Praxis politischer Gewalt im Laufe der Zeit änderte.

Wenig bekannt sind auch die Langzeitfolgen der Repression, die bis in die Gegenwart des wiedervereinigten Deutschland hineinreichen. Unzureichend erforscht ist nicht nur, wie die im Einigungsvertrag vereinbarte Entschädigung der Verfolgten in der Praxis umgesetzt wurde und inwieweit die beabsichtigte Wiedergutmachung rechtlich, politisch und materiell erfolgreich war. Auch die Auswirkungen der Aufarbeitung der SED-Diktatur auf das Rechtsbewusstsein der Bevölkerung, insbesondere in den ostdeutschen Landern, sind kaum bekannt. Weitgehend unerforscht ist nicht zuletzt, ob und inwieweit Menschen, die von Repressionen betroffen waren, körperlich oder psychisch dauerhaft geschädigt wurden – ob sie etwa höhere Mortalitätsraten oder Krankheitshäufigkeiten aufweisen als die übrige Bevölkerung.

Wissenstransfer

Es ist ein besonderes Anliegen der im Forschungsverbund kooperierenden Partner, die Ergebnisse ihrer Arbeit einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Aus diesem Grund werden sie regelmäßig öffentliche Veranstaltungen ausrichten und ihre Forschungen bevorzugt in open access-Publikationen veröffentlichen. Überdies sollen – soweit dies datenschutzrechtlich möglich ist – Inhalte der Datenbank öffentlich verfügbar gemacht werden.

Der Verbund legt großen Wert auf die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und universitärer Lehre. Daher bieten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig Lehrveranstaltungen an, in denen sich Studentinnen und Studenten mit Fragen von Repression und Diktatur befassen.

Nachwuchsförderung und Vernetzung

Die im Forschungsverbund tätigen Doktorandinnen und Doktoranden bzw. Postdocs können auf unterschiedliche Formen der Betreuung und Vernetzung untereinander zurückgreifen. Neben der individuellen Betreuung durch ihre Promotionsbetreuer können sie auf die Angebote der Graduiertenzentren der beteiligten Universitäten zurückgreifen. Darüber hinaus finden regelmäßige Arbeitstreffen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter statt, auf denen Projekte und grundlegende theoretische Fragen diskutiert werden. Hinzu kommen Schulungen und Workshops zu spezifischen Fragen.

Der Forschungsverbund „Landschaften der Verfolgung“ arbeitet eng mit anderen vom BMBF geförderten Forschungsverbünden zur DDR-Forschung zusammen. Besonders enge Kontakte bestehen zum Verbund „Diktaturerfahrung und Transformation“ (Sprecher: Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller).